Eine Reise durch die Zeit

Historisch-synoptische Karte Braunschweig

Meist ziehe ich gedankenlos meine Kreise durch die Stadt, den üblichen Trampelpfaden folgend. Trotzdem gibt es Orte, an denen ich mich schon öfter gefragt habe, wie das hier eigentlich zu Großvaters Zeiten ausgesehen haben mag. Mit der historisch-synoptischen Karte Braunschweig wird diese Frage zu einer faszinierende Reise durch Zeit und Stadtraum.

Stadtgeschichte hat mich schon immer interessiert, vor allem die bauliche, architektonische Veränderung die ein Ort im Laufe der Geschichte durchlaufen hat. Wie haben sich Straßenverläufe geändert? Wie wurde die Struktur einer Stadt durch die Zerstörung und den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg beinflusst? Würde ich mich noch zurechtfinden, wenn ich 100 Jahre in der Zeit zurück reisen könnte?

All dies waren Fragen, die ich mir schon als Kind in meiner Heimatstadt stellte. Als ich zum Studium nach Braunschweig gezogen bin, kannte ich die Stadt nicht. Meine Eltern haben hier ebenfalls studiert, doch erst im Laufe der Jahre begriff ich, dass Braunschweig auch die Geburtsstadt meines Großvaters, den ich nicht kennengelernt habe, ist. Als ich vor ein paar Jahren Fotos und Karten vom meinem Onkel für das Familienarchiv vermacht bekam, musste ich schmunzeln, wie sich ungeahnt Lebenswege verschiedener Generationen kreuzen können.

Historisch-synoptische Karte Braunschweigs

So fand ist es sehr spannend, als ich durch Zufall vor einigen Monaten die historisch-synoptische Karte der Braunschweiger Innenstadt entdeckte, die das Braunschweig meines Großvaters mit meinem Braunschweig zusammenführt.1 Das Kartenwerk umfasst drei Pläne:

Wie der Begleittext erläutert, wurde für die Zusammenführung der beiden Stadtanlagen auch die Karte von 1938 vektorisiert und anhand baulicher Fixpunkte (Braunschweig, die Stadt der Kirchen) zur Deckung gebracht. Dabei wird zur Abgrenzung der beiden Zeitebenen Grün für die alte und Magenta für die derzeitige Straßenführung verwendet, wodurch unveränderte Anlagen und Pazellenaufteilungen durch die Überlagerung beider Farben dunkel hervorstechen. Es zeigen sich etliche Fixpunkte im Kern der Stadt, die in Struktur und Charakter erhalten geblieben sind: der Altstadtmarkt, der Burgplatz oder der Hagenmarkt. Aber auch massive städteplanerische Eingriffe im Übergang zwischen Alt- und Neustadt werden deutlich: Der Radeklint wurde verlagert und durch die Verbindung von Celler Straße und Langer Straße neu ausgerichtet. Genau der Bereich, der zu meinen festen Laufrouten auf dem Weg in die Stadt gehört. Würde man mich hier, hundert Jahre in der Zeit zurück, aussetzen, ich wäre sicherlich orientierungslos. Zwar gibt es immer wieder Punkte, die gleich sind, aber zwei Meter weiter ist nichts mehr so, wie ich es kenne.

Dies bringt mich zu einer Idee:

Projekt Zeitreise

Zweifellos können wir nicht in der Zeit reisen, aber virtuell können wir Orte wieder auferstehen lassen. In zweidimensionaler Ebene macht Alexander Rutz dies beispielsweise auf anschauliche Weise mit seinem Projekt Zeitsprung für die Stadt Weimar. Es gibt unzählige Stadtfotos des alten Braunschweigs, der Nachkriegsstadt und von heute: Warum gibt es eigentlich kein historisches Streetview? Panoramaansichten bekomme ich ja heute sogar (fast live) vom Mars, warum also nicht aus der Vergangenheit meiner Stadt? Natürlich bedürfte es Fantasie und Kreativität, fotografische Lücken zu schließen und Farbigkeiten zu finden, aber ansonsten wäre die Schaffung solcher historischen Ansichten technisch möglich.

Ich fände dies auf jeden Fall ein sehr spannendes Projekt, das Stadtgeschichte und Stadtentwicklung anschaulich machen würde. Dies nur einmal laut gedacht.

  1. Die Karte kostet zur Zeit 23,50 € und kann bei Graff bestellt werden, bei Borek am Dom waren einige Exemplare vorrätig. 

Symphony Factory

Symphony Factory

Vor Kurzem kündigte Allen Chang im Symphony-Blog an, wie sich die Webseiten des Content-Management-Systems weiterentwickeln sollen. Ein Baustein ist Symphony Factory, ein Design-Framework für das Netzwerk an dem Johanna und ich in den kommenden Wochen arbeiten werden.

Symphony ist seit langem das Redaktionssystem unserer Wahl, wenn es um die Einrichtung von Webseiten geht. Sowohl die Einfachheit und Flexibilität des Backends als auch die Verwendung von XML und XSLT haben sich für uns immer wieder bei der Umsetzung teils komplexer Seitenkonzepte geholfen. Deshalb freut es uns, dass wir nun die Gelegenheit haben, die verschiedenen gestalterischen Ansätze des Symphony-Netzwerk in einem neuen Design zusammenzuführen. Symphony Factory ist konzeptuell vergleichbar mit Twitters Bootstrap oder Zurbs Foundation, allerdings wird das Layout speziell auf Symphony und seine Satellitenseiten zugeschnitten sein.

In diesem Zusammenhang haben wir vergangene Woche erstmals den Versuch gestartet, ein solches Projekt durch die Symphony-Community zu finanzieren. Ein Schritt der wohl bedacht sein musste, denn die Erarbeitung von Symphony Factory wird viel Zeit in Anspruch nehmen, gleichzeitig wollten wir aber auch nicht unsere normalen Preise ansetzen. Schließlich handelt es sich um ein Open-Source-Projekt und diese Art der Projektfinanzierung ist innerhalb der Symphony-Community noch nicht etabliert. Es galt also abzuwägen, und so ist unser erstes Ziel, 2.000 Euro zu erreichen. Die Kampagne läuft seit vergangenem Freitag und wir können uns schon über einige großzügige Zuschüsse freuen (insbesondere Soario ist in diesem Zusammenhang zu danken). Noch ist die geplante Summe nicht erreicht, doch es ist nicht mehr weit, so dass wir uns über weitere Unterstützer freuen würden: pledgie.com/campaigns/18062. Jede kleine Unterstützung bringt das Projekt voran.

In den kommenden Wochen werden wir im englischsprachigen Teil dieser Webseite, den Fortschritt des Projektes dokumentieren. Weitere Kurznotizen werden wir auch auf dem Twitter-Account unseres Büros veröffentlichen.

Vielen Dank für die Unterstützung!
Wir freuen uns auf das Projekt und das Ergebnis.

„Liebes Tagebuch …“

Day One

Um ehrlich zu sein: Tagebuchschreiben ist nicht mein Ding. Allerdings, und das ist mein Problem, ich würde gerne Tagebuch schreiben. Im letzten Urlaub habe ich es nun erneut versucht und mit Day One Fotos und Kurzgeschichten digital festgehalten.

Worin ich immer gut war ist Sammeln: Ich finde es toll, später in Erinnerungskisten zu kramen und dabei alte Fahrkarten oder Eintrittskarten zu finden. Meist fallen mir dann die Geschichten drumherum wieder ein, aber eben nicht immer. Ein Tagebuch wäre dann hilfreich. Kurz vor der Abreise in den Familienurlaub stieß ist durch Zufall in einem Tweet von Manuela Hoffmann auf die aktualisierte Mobilversion von Day One, das ich bisher nur als Desktop-App kannte. Ein neuer Versuch.

Day One bietet auf dem iPhone eine schlichte, gestalterisch ansprechende Oberfläche, die mit einigen netten Clous das Herz höher schlagen lässt. Die großen Buttons, die die App einleiten, laden zum schnellen Schreiben und Fotografieren ein, darunter befinden sich die thematischen und kalendarische Übersichten. Das Interface ist dabei so angelegt, dass die Einstellungen erst beim nach oben Ziehen sichtbar werden: wunderbar unaufdringlich.

Das Tolle an Day One ist, dass der Platz zum Schreiben zunächst so wirkt, als ob nicht mehr als ein Tweet hineinpassen würde (prima, Tweets schreiben kann ich) und doch gibt es keine Zeichenbegrenzung (noch besser, dann wird der Eintrag auch einmal länger). Schön sind zudem die Einbindung des aktuellen Ortes und Wetters, Informationen, die insbesondere beim späteren Stöbern sehr interessant sein können. Der Editor unterstützt Markdown, auch wenn wir die dazugehörige Formatierungsleiste erst beim zufälligen Wischen über den Screen entdeckt haben. Als einziges Manko erwiesen sich die langen Ladezeiten bei Fotografieren – warum dieser Vorgang den Ablauf der App verzögerte war für mich nicht ersichtlich, zumal es sich um eine Standardfunktion des Telefons handelt.

Day One scheint tatsächlich wie eine Offline-Version von Path und doch bietet es zwei Synchronisierungsoptionen: iCloud und Dropbox. Auf unserer Reise haben wir uns für Letzteres entschieden, da wir problemlos verschiedene Geräte der Familienmitglieder mit einem gemeinsamen Dropbox-Account verknüpfen und so ins selbe Tagebuch schreiben konnten. Dies hatte den – und hier komme ich auf den Anfang zurück – angenehmen, anspornenden Effekt, dass ein kleiner Wettstreit entstand, wer schon etwas oder gar am meisten eingetragen hatte. Nichts ist besser, um Schreibfaulheit zu überwinden!

Day One gibt es auch für das iPad und den Mac, allerdings lassen diese Versionen entweder die Schlichtheit der iPhone-App vermissen (iPad) oder sind schlicht auf dem falschen Gerät: wer schreibt schon Tagebuch auf seinem Arbeitsrechner (Mac)?

Day One für das iPhone kann ich allen verzweifelten Tagebuchmuffeln nur herzlich empfehlen. Uns hat es zu einer tollen Urlaubsdokumentation verholfen.

Von Tratschtanten und Stiller Post

In den letzten Tagen ist viel von Meinungswechsel und Kehrtwende die Rede: „Nun also doch Gauck als Präsident“. Interessant fand ich zu beobachten, wie zügig sich zeitgleich die Meinung auf Twitter zu ändern schien: von contra Wulff zu contra Gauck.

Konkret ging es um den Vorwurf, Herr Gauck stünde im Widerspruch zu so ziemlich allen der sogenannten Netzgemeinde wichtigen Themen. Mich hat das ein bisschen verwundert, es ging mir etwas zu plötzlich, denn ich habe Joachim Gauck bisher als abwägenden Menschen wahrgenommen. Seltsamerweise verbreitete sich die auf Twitter gestartete Welle auch unreflektiert in den klassischen Medien beziehungsweise ihren Onlineablegern. Kurz darauf stieß ich – wieder über Twitter – auf einen Beitrag von Patrick Breitenbach auf dem Blog der Karlshochschule, der diese Entwicklung aufgriff und beleuchtete:

Als sich gestern im Laufe des Tages solche Schlagzeilen gegen Gauck mehrten, machte ich aus meiner Verwunderung eine Tat: Ich begab mich auf die Suche nach den jeweiligen Originalquellen, denn die einzigen Artikel, die immer wieder als Quelle zum Beleg und Unterfütterung der Anti Gauck Aussagen verwendet wurden, waren eben die, die eine Quelle fragmentarisch interpretiert haben und sie nicht 1:1 in voller Länge wiedergaben. Oder anders formuliert: Ich vermisse bei diesen Artikeln den Satz davor und den Satz danach, denn der Kontext eines Gespräches ist schon wichtig, um sich ein Gesamtbild des Themas zu verschaffen, gerade wenn Aussagen aus einer Rede oder einer Podiumsdiskussion entnommen werden.

Ein interessantes Stück Recherchearbeit. Darauf Bezug nehmend gibt es mittlerweile ähnliche Beiträge bei Cicero und Spiegel Online, das ein schönes Fazit findet:

Die deutschsprachige, digitale Öffentlichkeit – Netzgemeinde wie Online-Medien – muss sich in Teilen einen Vorwurf machen lassen, den sie mit Vorliebe Dritten vorhält: mangelnde Online-Kompetenz. In diesem Fall fehlende Kenntnis darüber, wie einer der wichtigsten Bausteine des Internet, das Zitat, richtig zu verwenden ist. Abraham Lincoln wäre sehr enttäuscht.

Genau so, wie man „den Medien“ sagen muss, dass „Internet“ oder „Youtube“ als Quellenangabe nicht reichen, muss man „dem Netz“ auch sagen, dass ein Tweet noch keine Wahrheit macht. Twitter ist wahrlich wie Stille Post und wir alle wissen, wie viel dabei am Ende vom Anfang übrig bleibt. Aber wenn wir dann auch noch retweeten, ohne die Dinge zu hinterfragen, sind wir die Klatsch- und Traschtanten des Stadtteils.

Netz hin oder her, wir sollten alle das Nachdenken nicht vergessen.